Der Kulturbegriff im Rennsport. Ein Ansatz.

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Überlegungen von HANNES BAUMGARTEN

 


 

Radsportkultur kennt ungezählte Interpretationen. Gerade in Zeiten, in der sich die Marketingmaschinerie der Radindustrie an Begriffen wie „Heritage“ und „Vintage“ abarbeitet, scheint der Blick darauf zu lohnen, was im Kern die Kultur eigentlich ausmacht. Die Suche danach, jenseits von Instagram-Filtern und „Old-School-Hashtags“ führte den Pushbiker Hannes Baumgarten diesmal auf die offene Rennbahn nach Oerlikon, im Herzen Zürichs.

 

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Kultur ist eng verbunden mit Konstanz und Alter, mit Gewachsenem. Die Kulturgeschichte des Radfahrens geht zurück auf das späte 19. Jahrhundert, als auch die ersten Arbeiter-Radfahr-Vereine gegründet wurden. 1913 montierte Marcel Duchamp ein Vorderrad auf einen Hocker und schuf damit die erste bewegliche Skulptur der Moderne; der Futurist Umberto Boccioni glorifizierte die allein durch Körperkraft erreichte Geschwindigkeit des Fahrrads. Im Jahr 1912 wird die Beton Rennbahn in Zürich mit einem Umfang von 333,33 Metern eröffnet. Das Fundament von Oerlikon liegt also zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sieben Bahn Weltmeisterschaften wurden hier ausgetragen: beste Voraussetzungen!

Auch alte Männer gibt es in Oerlikon viele, Zeugen der Geschichte der Bahn, so scheint es. Jeden Dienstag trifft sich in den Sommermonaten Mai bis September die Schweizer Bahnelite und stellt sich der Konkurrenz aus der französischen und italienischen Nachbarschaft: zu den gegebenen Voraussetzungen kommt großer Sport!

Ob es schließlich die traditionell in Papier gewickelte Bratwurst für acht Schweizer Franken ist, der für das deutsche Ohr nur äußerst schwer verständliche Akzent des Moderators oder das Design des bahneigenen Trikots, das ihren Ursprung mutmaßlich in den ausgehenden 1980er Jahren hat, spielt überhaupt keine Rolle. Die Mischung aus all dem macht den charmanten Charakter, den Geist des Ortes aus.
Es drängt sich die Frage danach auf, wie zeitgemäß, wie erfolgreich ein solches Konzept auf einer kulturgeschichtlich so wertvollen Betonbahn noch heute sein kann. Die Zahlen klären auf: mit bis zu 4.500 Zuschauern pro Abend blüht das Event. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind hier zu spüren. Nicht zuletzt eine Nachhaltigkeit, die immer auch die Pushbikers interessiert, verbunden mit einer eigenen Geschichte, die man zwar nicht immer sieht, aber doch nicht auslassen kann.

 

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Die Zuschauer bekommen alles geboten, was Bahnradsport ausmacht, darunter Keirin, Derny, Scratch und Australienne. In letzterem fährt Hannes seinen ersten Sieg 2017 ein, feiert damit auf seinem Fuji „Rennvelo“ den Einstand im Pushbiker Trikot und freut sich auf zahlreiche weitere Sommernächte in Helvetia.

 


Photocredit und  Dank an Mäke Meier // www.bikefreaks.ch
Weitere Informationen: www.rennbahn-oerlikon.ch

 


 

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